Crowdfunding
und
Social
Payments
Im
Anwendungskontext
von Open
Educa>onal
Resources Julia
Kaltenbeck
Offene
Bildungsressourcen
zu
schaffen,
zu
verbreiten
und
nachhal>g
zu
verankern ist
das
Ziel
der
Herausgeber
Mar>n
Ebner
und
Sandra
Schön.
Neben
der Bildungsforschung
und
dem
Lehrbuch
für
Lernen
und
Lehren
mit
Technologien
ist nun
eine
Reihe
geschaffen
die
sich
diesem
Thema
widmet. Die
Buchreihe
wird
getragen
vom
gemeinnützigen
Verein
BIMS
e.V.
mit
Sitz
in
Bad Reichenhall
(hTp://bimsev.de).
©
Mar>n
Ebner
und
Sandra
Schön,
BIMS
e.V.
August
2011 Anmerkung:
Das
Buch
ist
unter
einer
Crea>ve-‐Commons-‐Lizenz
im
Web
frei verfügbar
(hTp://l3t.eu)
Julia
Kaltenbeck: Crowdfunding
und
Social
Payments
im
Anwendungskontext
von
Open
Educa>onal Resources Band
1
der
Reihe
„Beiträge
zu
offenen
Bildungsressourcen“ herausgegeben
von
Mar>n
Ebner
und
Sandra
Schön ISBN
9783844204384 Druck
und
Verlag:
epubli
GmbH,
Berlin,
www.epubli.de Titelbild:
Mark
Hillary,
hTp://www.flickr.com/photos/markhillary/2408954318 Umschlaggestaltung:
Mar>n
Ebner
und
Sandra
Schön Bibliografische
Informa>on
der
Deutschen
Na>onalbibliothek: Die
Deutsche
Na>onalbibliothek
verzeichnet
diese
Publika>on in
der
Deutschen
Na>onalbibliografie;
detaillierte
bibliografische
Daten
sind
im
Internet
über
hTp://dnb.d-‐nb.de
abrular.
Vorwort
der
Herausgeber Liebe
Leserinnen
und
Leser! Sie
halten
den
ersten
Band
der
neu
gegründeten
Reihe
"Beiträge
zu
offenen Bildungsressourcen"
in
Ihrer
Hand
oder
sehen
es
(natürlich
frei
zugänglich)
mit einem
(mobilen)
Device
an. Wir,
Mar>n
Ebner
und
Sandra
Schön,
haben
es
uns
zur
Aufgabe
gemacht Bildungsinhalte
zu
verbreiten.
So
sind
sehr
früh
die
Zeitschrio
Bildungsforschung entstanden
und
auch
das
weit
bekannte
Lehrbuch
für
Lernen
und
Lehren
mit Technologien,
kurz
L3T.
Um
Abschlussarbeiten,
Projekten
oder
sons>gen
Inhalten, wovon
wir
meinen,
dass
es
von
allgemeinen
Interesse
sein
könnte
auch
eine breite
Zugangsmöglichkeit
zu
geben,
ist
die
Idee
zu
dieser
Reihe
entstanden. Es
freut
uns
daher
sehr,
dass
Julia
Kaltenbeck
Ihre
Masterprojektarbeit
welche
Sie im
Rahmen
Ihres
Studiums
an
der
Technischen
Universität
Graz
zum
Thema "Crowdfunding
und
Social
Payments
im
Anwendungskontext
von
Open Educa>onal
Resources"
verfasst
hat,
zur
Verfügung
stellt. Weites
sei
auch
dem
Verein
BIMS
e.V.
gedankt,
der
als
Trägerverein
sämtliche Kosten
für
diese
Reihe
übernimmt
und
ebenfalls
sich
dem
Gedankengut
von offenen
Bildungsressourcen
verschreibt. Sollten
Sie
Fragen,
Wünsche
und
sons>ge
Kontaktanfragen
haben,
scheuen
Sie sich
nicht
und
schreiben
Sie
uns
einfach.
Wir
antworten
gerne
unter
der
dafür eingerichteten
E-‐Mail-‐Adresse
mar>n.ebner@l3t.eu. Somit
wünschen
wir
noch
eine
angenehme
Lektüre
und
viel
Spaß
mit
dem vorliegenden
Werk. Mar>n
Ebner
&
Sandra
Schön August
2011
Geleitwort
des
BIMS
e.V.
Liebe
Leserinnen
und
Leser! Der
BIMS
e.V.
ist
eine
Plauorm
für
das
gemeinnützige
Engagement
einiger Wissen-‐schaoler/innen
und
Prak>ker/innen
aus
dem
Bildungsbereich (hTp://bimsev.de).
Der
gemein-‐nützige
Verein
versteht
sich
nicht
nur
als
ein „Think-‐Tank“
sondern
gewissermaßen
als
ein
„Think-‐and-‐Do-‐Tank“
und
möchte bei
all
seinen
Projekten
„Bildung
erreichbar
machen“.
So
unterstützen
wir
die Herausgeber/innen
der
interdisziplinären
Fachzeitschrio
bildungsforschung (hTp://bildungsforschung.org),
die
seit
dem
Jahr
2004
frei
zugänglich
erscheint. Weiters
ist
auch
die
Unterstützung
des
Lehrbuches
für
Lernen
und
Lehren
mit Technologien
für
uns
wich>ges
Anliegen
(hTp://l3t.eu). Die
nun
vorliegende
Reihe
„Beiträge
zu
offenen
Bildungsressourcen“
sehen
wir
als einen
logischen
SchriT
in
der
konsequenten
Weiterführung
unserer
Ziele. Besonders
erfreulich
ist,
dass
auch
das
Thema
des
ersten
Bandes
sich
mit
Open Educa>onal
Resources
beschäoigt
und
versucht
Empfehlungen
abzugeben,
wie man
Crowdfunding
und
Social
Payments
zielführend
einsetzen
könnten
um
eine langfris>ge
Finanzierung
solcher
Bildungsini>a>ven
zu
gewährleisten.
Einen besonderen
Dank
gilt
natürlich
der
Autorin,
die
sehr
gewissenhao
das
Thema aufgearbeitet
hat
und
einen
sehr
gut
verständlichen
Eins>eg
in
die
Materie
bietet. Danke
auch
an
die
unermüdlichen
Anstrengungen
der
Herausgeber,
deren Tä>gkeiten
unser
Verein
gerne
unterstützt.
Mar>n
Schön Geschäosführer
des
BIMS
e.V. Mai
2011
Crowdfunding und Social Payments
im Anwendungskontext von Open Educational Resources
Masterprojekt
Julia Kaltenbeck
Betreuer:
Univ. Doz. Martin Ebner
Institut für Informationssysteme und Computer Medien (IICM) Technische Universität Graz A-8010 Graz, Österreich
Graz, Juni 2011
Die in der vorliegenden Forschungsarbeit auftretenden personenbezogenen Bezeichnungen, die nur in männlicher Form angeführt sind, dienen einzig der leichteren Lesbarkeit. Jedoch beziehen sich die personenbezogenen Bezeichnungen stets auf Frauen und Männer gleichermaÿen.
Kurzfassung
Crowdfunding und Social Payments, zwei noch sehr junge Phänome, die ihre Ursprünge in den USA haben und langsam, aber sicher sich in Europa ausbreiten, sind Analysegegenstände der vorliegenden Forschungsarbeit. Crowdfunding, eine Erscheinungsform von Crowdsourcing, wird deniert als the col-
lective cooperation, attention and trust by people who network and pool their money together, usually via the Internet, in order to support eorts initiated by other people or organization (Keyser, 2010). Aus dem Blickwinkel des
Web 2.0, oder auch des sozialen Web, ist dieses Forschungsfeld so spannend wie nie zuvor. So existieren beispielsweise bereits viele Erfolgsgeschichten und Best Practices über die kollektive Ideengenerierung bzw. -ndung mit Hilfe von Web-2.0-Technologien und Social Software. Crowdfunding und Social Payments sind wissenschaftlich jedoch noch wenig umfassend aufbereitet worden. In der vorliegenden Arbeit wird versucht, eine Verständnisbasis für Crowdfunding und Social Payments aufzubauen. Sowohl die Motivation der Nutzer von der kollektiven Masse als auch die Erfolgsfaktoren von Crowdfunding bzw. Social Payments werden aufgezeigt und durch eine ausführliche Diskussion über deren Vor- und Nachteile ergänzt. Weiters wird ein Überblick über ausgewählte Crowdfunding- bzw. SocialPayment-Plattformen gegeben, bevor Crowdfunding bzw. Social Payments im Anwendungskontext von Open Educational Resources (OER) bearbeitet werden. Hierbei werden repräsentative Fallbeispiele, sofern vorhanden, analysiert um die daraus extrahierten Informationen, Lessons Learned, Schlüsselfaktoren und Empfehlungen in das OER-Projekt L3T Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien einzubauen.
Schlüsselwörter: Crowdfunding, Social Payments, Open Educational Resources (OER), Web 2.0
Abstract
Crowdfunding and Social Payments are still two very young phenomena, which have their origins in the USA and have been spreading slowly but denitely to Europe, are being examined in the present research work. Crowdfunding, an appearance of Crowdsourcing, is dened as the collective cooperation, attenti-
on and trust by people who network and pool their money together, usually via the Internet, in order to support eorts initiated by other people or organization (Keyser, 2010). From the viewpoint of Web 2.0, or the social web, this
research eld has never been more exciting than nowadays. There are already many success stories and best practices about the collective idea generation and idea nding with the help of Web 2.0 technologies and social software. Crowdfunding and Social Payments, however, from the scientic view, have not been fully explored yet. In the present research work, an attempt is dared to build a basis for a better understanding of Crowdfunding and Social Payments. The motivation of the users as part of the collective crowd as well as the success factors of Crowdfunding and Social Payments will be analyzed and completed by an extensive discussion about their advantages and as well as their disadvantages. In addition, an overview of some selected Crowdfunding and Social Payment platforms will be provided, before Crowdfunding and Social Payments will be analyzed in the application context of the Open Educational Resources (OER). Here, information will be extracted from representative case studies, if any, in order to use the key factors and recommendations for the German OER-initiative L3T - Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien.
Keywords: Crowdfunding, Social Payments, Open Educational Resources
(OER), Web 2.0
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. 1.2. Motivation und Ziele der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . Struktur der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1
1 3
I.
Theoretischer Teil
4
5
5 5 11 14 15 16 17 17 19 . . . . . . .
2. Denitionen
2.1. Crowdfunding . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1. 2.1.2. 2.1.3. 2.2. 2.2.1. 2.2.2. 2.2.3. 2.2.4. Crowdfunding als Form von Crowdsourcing Der Crowdfunding-Prozess . . . . . . . . . . . . . . . .
Eine Crowdfunding-Erfolgsgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unterschiede zu Crowdfunding
Social Payments
Gemeinsamkeiten mit Crowdfunding . . . . . . . . . . . Der Social-Payment-Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Social-Payment-Erfolgsgeschichte . . . . . . . . . .
3. Abgrenzungen zu anderen Begrien
3.1. 3.2. 3.3. 3.4. 3.5. Fundraising . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sponsoring . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Micropayment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Paid Content
21
21 22 22 22 23
4. Motivation jeder Einzelner im Crowd 5. Plattformen
5.1. Crowdfunding-Plattformen 5.1.1. 5.1.2. 5.1.3. 5.1.4. Kickstarter Startnext mySherpas Grow VC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
24 27
28 28 29 34 35
V
5.2.
Social-Payments-Plattformen 5.2.1. 5.2.2. Flattr
. . . . . . . . . . . . . . . . . . .
36 36 37
Kachingle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
6. Wichtige Fragestellungen
6.1. 6.2. 6.3. Für wen sind die alternativen Erlösmodelle geeignet? . . . . . . Wer steckt hinter der Crowd? . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was sind die Erfolgsfaktoren von Crowdfunding und Social Payments? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
40
40 41 44
7. Diskussion
7.1. 7.2. Vorteile Nachteile 7.2.1. 7.2.2. 7.2.3. 7.3. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
55
55 58 59 63 64 66
Probleme des Marktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Probleme der Dienste Kulturelle Probleme
Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
II. Crowdfunding und Social Payments im Anwendungskontext von OER
8. Denition 9. Finanzierung von OER-Initiativen
9.1. Finanzierungsmodelle nach Downes . . . . . . . . . . . . . . . .
67
68 70
72
10. Fallbeispiele für OER
10.1. Kickstarter für SmartHistory . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.2. Flattr für open-of-course.org . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
75
75 79
11. L3T - Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien
11.1. Die Anfänge von L3T . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11.2. Charakteristiken von L3T
81
81 82 85 87 89 91
11.3. Problematik und Situationsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . 11.4. Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11.5. Crowdfunding-Testlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11.6. Evaluierung des Crowdfunding- Testlaufs . . . . . . . . . . . .
12. Zusammenfassung und Ausblick Abbildungsverzeichnis
94 96
VI
Tabellenverzeichnis Literaturverzeichnis
97 97
VII
1. Einführung
1.1. Motivation und Ziele der Arbeit
Given the scale of the socio-economic changes we've already encountered from new forms of connectivity, a deeply profound set of changes awaits. This, is the crowdfunding revolution. - (Lawton u. Marom, 2010)
Crowdsourcing ist heutzutage ein Begri in aller Munde und wird bereits vielfältig eingesetzt, sei es für die kollektive Ideengenerierung und ndung, für die kollektive Abstimmung oder auch für die kollektive Problemlösung u.v.m. Zur groÿen Popularität von Crowdsourcing hat wesentlich die Macht und Weisheit der Vielen, ein Heer von Freiwilligen, beigetragen und ist aus diesem Grund ein sehr faszinierender Prozess. Jede Einzelne in der Crowd trägt in irgendeiner Form etwas zum ganzen System bei und bestimmt somit wesentlich den Ausgang dieses Prozesses mit. Crowdsourcing kann in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten und ist in Zeiten des Web 2.0 und sozialer Software, sowie weltweiter Netzwerke quasi alltäglich und überall zu nden. Zu den bereits bekannten und existierenden Erscheinungsformen von Crowdsourcing in Web 2.0 ist ein weiteres relativ junges Phänomen dazu gekommen, nämlich Crowdfunding. Soviel sei bereits an dieser Stelle erwähnt, dass Crowdfunding zum Ziel hat, mit Hilfe der Macht der Vielen das gewünschte Projektbudget zu erreichen um somit das dazugehörige Projekt nanzieren und umsetzen zu können. Mit diesem Begri geht oft Social Payments einher, der sich jedoch von Crowdfunding in einigen wesentlichen Punkten unterscheidet, aber nicht weniger spannend ist. Crowdfunding und Social Payments werden unter dem Oberbegri Alternative Erlösmodelle zusammengefasst und können die traditionellen Erlösmodellen ideal ergänzen. Im The Future of Money-Projekt (Fut, 2010) (siehe Abbildung 11.1), das selbst ebenfalls mit Hilfe von Crowdfunding nanziert wurde, ndet Crowdfunding&Co ihren Einsatz.
1
2
1 Einführung
Abbildung 1.1.: Die Zukunft des Geldes, (Fut, 2010)
1
Da beide Phänomene mit Hilfe von Web-2.0-Technologien noch relativ jung sind, ist dementsprechend nicht viel wissenschaftliche Literatur vorhanden, jedoch umso mehr interessante und gut aufbereitete Blogartikel in der Blogosphäre, die diese Thematik bereits begeistert aufgegrien hat. Aus diesem Grund wurden viele Rückgrie auf jene Blogger unternommen. Es fehlt eine ausführliche und wissenschaftliche, aber vor allem eine ganzheitliche Betrachtung beider Phänomene. Die vorliegende Forschungsarbeit zielt darauf ab, diese Lücke zumindest teilweise zu schlieÿen und eine breitere Verständnisbasis für Crowdfunding und Social Payments, speziell im deutschen Raum, aufzubauen.
1 2010
BY-NC-SA Emergence Collective. Research and concept by Gabriel Shalom, Venessa Miemis and Jay Cousins. Design by Patrizia Kommerell.
1 Einführung
3
Weiters will die vorliegende Forschungsarbeit versuchen, das Potential von Crowdfunding und Social Payments als alternatives Erlösmodell aufzuzeigen. Die Idee zu dieser Forschungsarbeit kam von Univ.-Doz. Dr.techn. Dipl.-Ing. Martin Ebner von der Technischen Universität Graz, einer der Koordinatoren der OER-Initiative L3T - Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien . Es soll im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit untersucht werden, inwieweit Crowdfunding und Social Payments für OER-Initiativen genutzt werden können.
2
1.2. Struktur der Arbeit
Die vorliegende Arbeit soll den interessierten Lesern zuerst eine Einführung in das Themengebiet von Crowdfunding und Social Payments gewähren, um das Verständnis dafür zu erhöhen. Diese Einführung inkludiert unter anderem die Denition der Begrie von Crowdfunding und Social Payments bzw. eine klare Abgrenzung gegenüber anderen ähnlichen oder verwandten Begrien. Im nächsten Schritt werden einige wichtige und relevante Crowdfunding- und Social-Payment-Plattformen vorgestellt, die zum Aufschwung beider Phänomene wesentlich beigetragen haben. Auch wird die Motivation der potentiellen Unterstützern für die Teilnahme am Prozess untersucht. Einen wichtigen Teil der Forschungsarbeit nimmt eine ausführliche Diskussion rund um die Frage ein, ob Crowdfunding und Social Payments tatsächlich als alternative Finanzierungsmodelle geeignet sind. Dazu gehört eine intensive Auseinandersetzung mit ihren Vor- und Nachteilen. Nachdem diese ausführlich gegenseitig abgewogen werden, werden die beiden alternativen Erlösmodellen im Anwendungskontext von Open Educational Ressources (OER) untersucht. Hierzu wird eine konkrete, erfolgreich durchgeführte Crowdfunding-Kampagne demonstriert. Die daraus gewonnenen Zahlen und Daten werden analysiert und daraus allgemeine Empfehlungen für ähnliche OER-Initiativen abgeleitet, die ebenfalls für die OER-Initiative der Technischen Universität Graz, L3T Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien verwendet werden können.
2 http://l3t.tugraz.at/
Teil I.
Theoretischer Teil
4
2. Denitionen
Crowdfunding und Social Payments - was verbirgt sich hinter diesen Konzepten? In diesem Kapitel wird versucht, den Lesern ein genaueres Bild von den Begrien zur Verfügung zu stellen um so ein besseres Verständnis für diese zu gewährleisten. Es ist anzumerken, dass die englische Bezeichnung dieser Begrie aufrecht erhalten wird, da es diesbezüglich noch keine einheitliche Auassung von den dazugehörigen deutschen Übersetzungen gibt.
2.1. Crowdfunding
Crowdfunding ist eine spezielle Erscheinungsform von Crowdsourcing und beiden ist gemein, dass sie die Masse bzw. Menschenansammlungen (crowd), bestehend aus vielen Freiwilligen als Quelle (engl. source) nutzen um entsprechende Wertschöpfung zu generieren. Bevor der Begri Crowdfunding deniert und der typische CrowdfundingProzess aufgezeigt wird, ist es an dieser Stelle angebracht, eine Ebene höher zu gehen und zunächst den Oberbegri Crowdsourcing zu denieren.
2.1.1. Crowdfunding als Form von Crowdsourcing
Crowdsourcing, oder die etwas holprige deutsche Bezeichnung Schwarmauslagerung ist ein Begri, der heutzutage oft in der Literatur anzutreen ist und von Je Howe im Jahr 2006 geprägt wurde.
Remember outsourcing? Sending jobs to India and China is so 2003. The new pool of cheap labor: everyday people using their spare cycles to create content, solve problems, even do corporate R & D. - (Howe, 2006)
Dieser Zitat von Je Howe sagt bereits einiges über den Begri Crowdsourcing aus: Anstatt die Aufgaben und Aktivitäten eines Unternehmens an Drittländer oder andere Unternehmen auszulagern, um auf dieser Weise beispielsweise die
5
6
2 Definitionen
Produktionskosten zu senken, wird bei Crowdsourcing auf die zumeist kostenlose Arbeitskraft eines Heer von Freiwilligen vorwiegend im Internet gesetzt. Doch dieses Zitat ist noch zu abstrakt und berücksichtigt viele Aspekte von Crowdsourcing nicht. Eine genauere und zeitgemäÿere Denition schlägt Alexander Heimbuch (2010) vor:
Crowdsourcing bezeichnet die Bearbeitung einer klar denierten und fragmentierbaren Aufgabe, welche standortunabhängig und in Teilen lösbar ist. Dazu bearbeitet eine undenierte Gruppe Freiwilliger mithilfe von Informations- und Kommunikationssystemen einen Teil dieser Aufgabe. - Alexander Heimbuch (2010)
Ein weiterer Versuch einer Denition von Crowdsourcing erfolgt von Nicole Martin, Stefan Lessmann und Stefan Voÿ:
Crowdsourcing ist eine interaktive Form der Leistungserbringung, die kollaborativ oder wettbewerbsorientiert organisiert ist und eine groÿe Anzahl extrinsisch oder intrinsisch motivierter Akteure unterschiedlichen Wissensstands unter Verwendung moderner IuK Systeme auf Basis von Web 2.0 einbezieht. Leistungsobjekt sind Produkte oder Dienstleistungen unterschiedlichen Innovationsgrades, welche durch das Netzwerk der Partizipierenden reaktiv aufgrund externer Anstöÿe oder proaktiv durch selbsttätiges Identizieren von Bedarfslücken bzw. Opportunitäten entwickelt werden.
- (Martin u. a., 2008) Crowdsourcing tritt in vier Erscheinungsformen zutage, die, wie es in Abbildung 2.2 gut zu erkennen ist, Crowd Wisdom, Crowd Creation, Crowd Voting und Crowdfunding sind (Howe, 2008; Tacke, 2010).
• Crowd Wisdom:
Bei der Ausnutzung der Schwarmintelligenz ist die
Crowd gezielt zu einer Aktivierung und Reexion ihres Wissens zu stimulieren. Das kann beispielsweise durch eine Veröentlichung einer Problembeschreibung und einem Aufruf zur Lieferung von Lösungen oder Hinweisen geschehen (Tacke, 2010). Damit das gelingt, müssen dafür geeignete Bedingungen für die Äuÿerung und Sammlung des geteilten Wissens geschaen werden (Howe, 2008).
• Crowd Creation: Crowd Creation, hingegen, zielt darauf ab, das schöpferische und kreative Potential der Crowd zu nutzen. Texte, Bilder, Multimediadateien, etc., welche die Crowd erstellt, werden unter dem Begri user generated content zusammengefasst (Tacke, 2010).
• Crowd Voting:
Crowd Voting basiert auf dem Urteilsvermögen der
2 Definitionen
7
Crowd, wobei die Abstimmung entweder bewusst oder unbewusst erfolgen kann. Ein Beispiel für eine unbewusste Abstimmung ist die bekannte und populäre Suchmaschine Google, die die Crowd für die Relevanzbestimmung bzw. Organisation der Suchergebnisse nutzt (Howe, 2008). So wurde beispielsweise eine Prognose für den Gewinner des Eurovision Song Contests 2010 anhand von den getätigten Google-Suchanfragen der Nutzer abgegeben (Tacke, 2010).
• Crowdfunding:
Crowdfunding, als vierte Erscheinungsform, hat das Ziel, Unterstützung, entweder monetär oder auch nicht monetär, von der Crowd zu gewinnen, sodass Projekte oder Aktionsprogramme nanziert werden können (Tacke, 2010).
Crowdfunding = The collective cooperation, attention and trust by people who network and pool their money together, usually via the Internet, in order to support eorts initiated by other people or organisations - (Keyser, 2010)
Abbildung 2.1.: Das Crowdfunding-Prinzip
3
Es ist zu verdeutlichen, dass Crowdfunding im Prinzip kein neues Phänomen ist und schon immer stattgefunden hat, wie zum Beispiel bei der Unterstützung von verschiedenen Hilfsorganisationen durch Kleinspenden vieler Menschen im Austausch von Gegenleistungen (Buttons, etc.) (Lufthansa, 2010).
What is occurring, and the potentials moving forward, are not a result of a singular shift or trend. Rather the emerging incarnation of crowdfunding is a result of many ongoing socio-economic trends,
3 Abbildung
von http://opengenius.org/, aufgerufen am 06.03.2011
8
2 Definitionen
the removal of a number of ineciencies which have plagued capital allocation for most of our history (...) - (Lawton u. Marom, 2010)
In Zeiten des Web 2.0 und Social Software ist das Aufnehmen von Kontakten zu Gleichgesinnten und die Koordination von weltweit verstreuten Aktivitäten so einfach und so wirksam wie noch nie zuvor geworden. Daher ist Crowdfunding via Web 2.0 ein neues und junges Phänomen, das aber in seiner ursprünglichen Form schon früher ausgeübt wurde (Lufthansa, 2010). Daher lässt sich in Tabelle 2.1 folgender Vergleich zwischen der ursprünglichen Form von Crowdfunding ohne Unterstützung von Web-2.0-Technologien und Social Software und Crowdfunding mit Hilfe von diesen ziehen. Es ist eine Gegenüberstellung von Crowdfunding 1.0 versus Crowdfunding 2.0. Die Tabelle soll verdeutlichen, dass Crowdfunding in der jetzigen Form durch Web 2.0, Social Software und Social Media ermöglicht wird.
Crowdfunding 1.0
vorwiegend oine beschränkt Nutzung von traditionellen Werbemitteln Koordination via Email, Newsletter zentral passive Beteiligung
Crowdfunding 2.0
online (Web) potentiell weltweit Social Media Marketing Koordination via Plattformen dezentral aktive Beteiligung
Tabelle 2.1.: Unterschiede zwischen Crowdfunding 1.0 und Crowdfunding 2.0 Crowdfunding hat viele verschiedene Gesichter. Koren (2010a,b,c,e,g) und Zandvliet (2011) haben eine Unterteilung der unterschiedlichen CrowdfundingFormen aufgestellt, die nachfolgend zusammenfassend dargestellt werden.
• Crowdsupporting (Crowdfunding as a method for sponsorship
with a non-nancial return): Primär kreative Projekte zu unterstützen ist der Grundgedanke hinter Crowdsupporting, wobei hier das zur Verfügung Stellen von Sponsoring in Austausch mit nicht-monetären Gegenleistungen im Vordergrund steht (Zandvliet, 2011). Der Fokus der vorliegenden Forschungsarbeit liegt auf dieser Form von Crowdfunding und deren Prozess wird später erläutert.
• Crowdinvesting (Equity based Crowdfunding with a potential
nancial return and ownership): Crowdinvesting ist Crowdfunding
für Startups und Unternehmen. Vorteile von Crowdinvesting sind unter anderem, dass Crowdinvesting eine interessante Möglichkeit neben den
2 Definitionen
9
Abbildung 2.2.: Erscheinungsformen von Crowdsourcing und Crowdfunding
klassischen Kapitalquellen wie Banken, Business Angels und VCs darstellt (Koren, 2010c). Argumente, die für Crowdinvesting sprechen, sind auf sich ändernde Bedingungen in der Kapitalnachfrage und Kapitalangebot zurückzuführen
(1) It's getting harder for entrepreneurs to nd capital (2) Entrepreneurs need less capital (3) Small angel investors are interested to invest small amounts of money (4) The internet and ecient transaction systems make it commercially viable to invest small amounts of money - (Koren, 2010e)
Oft brauchen Unternehmen und Startups mehr Kapital, als es die FFFFörderung (Friends, Family, Fools) ezient decken kann. Jedoch ist die Kapitalmenge, die die gröÿeren Investoren oder Banken zahlen, oft für einige Startups und Unternehmen zu hoch, da sie ja schlieÿlich auch zurückbezahlt werden muss. Crowdinvesting ist aus diesem Grund eine mögliche Alternative, um die Lücke zwischen FFF-Förderung und gröÿeren Investitionen zu schlieÿen (Koren, 2010a,c). Als Gegenleistung für direkte Investitionen in Startups sowie Unternehmen erhalten die Unterstützer im Crowdinvesting-Prozess Anteile am Unternehmen. Zandvliet (2011) sieht aufgrund der Möglichkeit, dass die Unterstützer als Investoren auch Kunden, Lieferanten, etc. sein können, eine Änderung im klassischen Stakeholder Modell.
10
2 Definitionen
Abbildung 2.3.: Lücke
zwischen
FFF-Förderung
und
gröÿeren
Investitio-
nen kann durch Crowdinvesting geschlossen werden (Koren, 2010a,c).
Due to the multiple roles of the investors (rst customers, supplier or crowdsourced human resource of the company) and the open relationship with the entrepreneur we will see the creation of the ultimate Stakeholder model. - Korstiaan Zandvliet
(Zandvliet, 2011)
• Crowdlending (Debt-Crowdfunding with a nancial return):
P2P-Kredite: Peer-to-Peer (P2P) Kredite gehen im Unterschied
zu traditionellen Bankkrediten mit wesentlichen Vorteilen für beide Seiten in einem Kreditvergabeprozess einher. Einerseits zahlen die Kreditnehmer auf diese Weise weniger Zinsen, andererseits erhalten die Kreditgeber mehr Zinsen, da die traditionelle (und teure) Bankinstitution in der Mitte durch eine internetbasierte und somit kostengünstigere Kreditvergaberma ersetzt wird. Die P2P-Kredite werden also durch direkte Kontakte zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer ohne Bank als Institution dazwischen vergeben (Koren, 2010g).
2 Definitionen
11
Mikrokredite: Mikrokredite sind für schlechter verdienende Menschen gedacht, die üblicherweise keinen Zugang zu Bankdiensten bzw. nanziellen Diensten haben (Koren, 2010d).
• Crowddonating: Im Unterschied zu den zuvor erwähnten Erscheinungsformen bekommen die Unterstützer bei dieser Crowdfunding-Form, nämlich Crowddonating, keine Gegenleistungen für ihre getätigte Investition. Die Unterstützungen sind somit reine Spenden an den Empfänger. Ein wesentliches Erfolgsfaktor, damit Crowddonating funktioniert, ist der Aufbau und die Sicherstellung einer sehr starken emotionalen Bindung zu den Unterstützern und potentiellen Geldgebern. Als gutes Beispiel für eine solche Crowddonating-Kampagne ist die Kampagne des derzeitigen US-Präsident Obama erwähnenswert, der viele Millionen Dollar für seine Wahlkampagne durch mehr als eine Million Unterstützer eingenommen hat (Koren, 2010b). Der Fokus der vorliegenden Forschungsarbeit liegt dabei speziell auf Crowdsupporting als Crowdfunding-Erscheinungsform. Allerdings können die erwähnten Aspekte im Allgemeinen auch die anderen Formen von Crowdfunding betreffen, da sie alle auf dem Prinzip der Vielen basieren und sich lediglich in ihrem detailliertem Prozessablauf und Verwendungszweck der Unterstützungen unterscheiden.
2.1.2. Der Crowdfunding-Prozess
Wie zuvor erwähnt, liegt der Fokus der vorliegenden Forschungsarbeit auf Crowdsupporting als spezielle Form von Crowdfunding. Wenn über Crowdfunding im Allgemeinen gesprochen wird, dann ist üblicherweise Crowdsupporting im Speziellen gemeint. Ein typischer Crowdfunding-Prozess aus Sicht des Empfängers von Unterstützungen, dem Projektinhaber, kann grob in drei Phasen unterteilt werden: Veröentlichung, Warten auf Finanzierung und schlieÿlich Umsetzung oder Rückzahlung.
• Veröentlichung:
Zuerst steht eine kompakte und ausformulierte Pro-
jektidee am Anfang des Prozesses. Diese Projektidee wird mit ihren klar festgelegten Zielen auf einer Crowdfunding-Plattform im Web, wie zum Beispiel, Kickstarter , veröentlicht. Im nächsten Schritt wird ein bestimmtes Budgetziel des Projektes und ein Zeitlimit festgelegt, innerhalb der die erforderliche Geldsumme zusammenkommen muss, damit
4
4 http://www.kickstarter.com/
12
2 Definitionen
Abbildung 2.4.: Ein typischer Crowdfunding-Prozess
das Projekt umgesetzt wird. Weiteres werden verschiedene Gegenleistungen als Dankeschön für die übermittelte Unterstützung deniert. Es ist darauf zu achten, dass bei der Veröentlichung das Format eines Projektes eingehalten wird, worunter nach DIN 69901 als Vorhaben, das
im wesentlichen durch Einmaligkeit der Bedingungen in ihrer Gesamtheit gekennzeichnet ist, wie z.B.: Zielvorgabe, zeitliche, nanzielle, personelle oder andere Bedingungen, Abgrenzungen gegenüber anderen Vorhaben und projektspezische Organisation. - (Zingel, 2000) verstanden wird.
Gliedert man diese Denition genauer auf, so ist ein Projekt demzufolge ein Vorhaben mit folgenden Merkmalen (Zingel, 2000):
zeitlich begrenzt (mit einem klar denierten Anfangs- und Abschlusszeitpunkt)
denierte Zielvorgaben (Was soll erreicht werden? Wohin soll die
Richtung gehen?)
einmalig und neuartig (nicht repetitiv) komplex (besteht aus mehreren Teilaufgaben, multifunktionale bzw.
interdisziplinäre Ausrichtung)
risikobehaftet
Mit der Veröentlichung eines Projektes auf einer Crowdfunding-Plattform beginnt die Crowdfunding-Kampagne.
• Warten auf Finanzierung: Die Besucher der Crowdfunding-Plattform
haben nun die Möglichkeit, sich Informationen über das Projekt, über den Anteil des erreichten Budgetziels und über die noch verbleibende Zeit, einzuholen. Weiters kann er auch im meist integrierten Projektblog auf der Crowdfunding-Plattform den Verlauf einer CrowdfundingKampagne mitverfolgen bzw. Kommentare von anderen Unterstützern
2 Definitionen
13
oder Besuchern lesen. Der überzeugte Besucher kann demzufolge seine Unterstützung (meistens monetär) am Projekt aussprechen. Um möglichst viele Unterstützer anzuziehen, kann der Projektinhaber beispielsweise via soziale Medien oder Netzwerke auf sein Projekt auf der Crowdfunding-Plattform aufmerksam machen. Genau diese Phase ist gleichzeitig auch die kritischste, da die Mobilisierung von potentiellen Unterstützern für den Erfolg eines Crowdfunding-Projektes entscheidend ist. In einem späteren Kapitel wird versucht, Empfehlungen bezüglich der Mobilisierung von potentiellen Unterstützern herauszuarbeiten und darzustellen.
• Umsetzung oder Rückzahlung: Typischerweise geht es in Crowdfunding um das Alles-Oder-Nichts-Prinzip: Wird das vorher festgelegte Budgetziel innerhalb des ebenfalls vorher denierten Zeitlimits nicht erreicht, dann werden alle zugesprochenen Unterstützungen rückgängig gemacht bzw. widerrufen. Somit wird das Projekt auch nicht aktiviert und umgesetzt. Ist der Gegenteil der Fall, dann wird das Projekt umgesetzt und schlieÿlich die Gegenleistungen an den Unterstützer übermittelt, die ihnen basierend auf der Höhe ihrer zuvor zugesprochenen Unterstützungen zustehen.
Realisiert wird, was Leute sehen und hören wollen. Die Masse der Internet-User wird zum Mäzen 2.0. - Anna Lena Mösken, Frankfurter Rundschau, 27.12.2010 (Twitter)
Tino Kreÿner von der Crowdfunding-Plattform Startnext
5 erklärt auf sei-
nem Blog "best practices crowdfunding der blog (2010)", warum Crowdfunding nach dem Alles-Oder-Nichts-Prinzip läuft: Es ist bei Crowdfunding zu bedenken, dass die Unterstützer die Höhe der Unterstützung an ein Crowdfunding-Projekt freiwillig festlegen und somit darauf aufbauend eine oder mehrere Gegenleistungen erhalten. Wenn das Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, so haben sie ein Recht darauf, diese Gegenleistungen auch zu erhalten. Würde Crowdfunding nicht nach dem AllesOder-Nichts-Prinzip laufen, also wenn beispielsweise das Budgetziel zu 70% erreicht sein würde, dann müsste der Projektinhaber trotzdem die Gegenleistungen ausliefern, deren Produktion und Transport ihm zusätzlich kosten. Noch dazu müsste er die restlichen 30% des Budgetziels selbst aufbringen. Doch auch wenn der Projektinhaber sich dazu bereit erklären würde, mit den nanzierten 70% des Budgetziels via Crowdfunding das Projekt trotzdem zu realisieren, dann ist es aber nicht sicher, ob er es in jener Qualität umsetzen kann, wie er es den Unterstützern zuvor auf
5 http://www.startnext.de/
14
2 Definitionen
der Crowdfunding-Plattform versprochen hat und für diese gewünschte Qualität die Unterstützer ihe Unterstützung zugesprochen haben.
2.1.3. Eine Crowdfunding-Erfolgsgeschichte
Nachdem ein typischer Crowdfunding-Prozess mit ihren inneren Abläufen aufgezeigt wurde, wird an dieser Stelle eine beispielhafte CrowdfundingErfolgsgeschichte dargestellt um die Möglichkeiten von Crowdfunding anschaulich und praxisnahe zu demonstrieren. Es gibt bereits sehr viele erfolgreiche Beispiele, dennoch ist der Klassiker das Beispiel von Diaspora.
Diaspora - the privacy aware, personally controlled, do-it-all distributed open source social network - Gründer von Diaspora, (Kickstarter, 2010)
Als beispielhaft für den Erfolg von Crowdfunding wird oft gerne das Projekt Diaspora
6 angeführt. Diaspora versteht sich als Rivale von Facebook und Co,
indem es den Nutzern die volle Kontrolle über ihre eingestellten Fotos, ihre Kontakte, ihre Geschichten, etc. anbietet. Der Nutzer kann in vollem Ausmaÿ selbst bestimmen, für wen z.B.: die Fotos gedacht sind und sie diesen einzelnen Personen zukommen lassen. Somit ist das Teilen von Inhalten klar, einfach und zielgerichtet mit gleichzeitiger Achtung und Wahrung der Privatsphäre und Sicherheit (Diaspora, 2011).
We believe that privacy and connectedness do not have to be mutually exclusive. With Diaspora, we are reclaiming our data, securing our social connections, and making it easy to share on your own terms. We think we can replace today's centralized social web with a more secure and convenient decentralized network. - Gründer von Diaspora, (Kickstarter, 2010) Diaspora hat ein Projekt auf der schon zuvor erwähnten Crowdfunding-Plattform Kickstarter eingestellt und erklärt, dass $10.000 gebraucht werden um den Diaspora-Code quelloen (open source) zu gestalten (Kickstarter, 2010). Bereits eine Woche nach Beginn der Kampagne wurde die Hälfte des Budgetziels aufgebracht, und kurz darauf (zwölf Tagen nach Kampagnenstart) schon das gesamte Budgetziel. Nach Auslauf der zuvor gesetzten Zeitfrist wurde das Budgetziel um mehr als 2.000% überschritten ($200.641), einer Summe, die von insgesamt 6.479 Unterstützern weltweit aufgebracht wurde (Kickstarter, 2010). Auch Mark Zuckerberg, Facebook-Gründer hat gegenüber dem Magazin
6 https://joindiaspora.com/
2 Definitionen
15
Abbildung 2.5.: Diaspora - eine Erfolgsgeschichte (Kickstarter, 2010)
Wired zugegeben, dass er für diese Crowdfunding-Kampagne gespendet hat.
I donated. I think it is a cool idea. (Kreÿner, 2010).
Diese Erfolgsgeschichte zeigt sehr gut auf, dass man mit Crowdfunding sehr viel erreichen kann, vorausgesetzt man beachtet einige Do's and Dont's, kennt die kritischen Erfolgsfaktoren und kann die potentiellen Unterstützer gut mobilisieren. Nachdem Crowdsourcing mit ihren vier Erscheinungsformen, darunter auch Crowdfunding, näher erläutert wurde, ist dem noch hinzufügen, dass Vorsicht zu wahren ist, die Begrie Crowdsourcing und Open Source nicht miteinander zu vermischen. Bei Open Source gehört beispielsweise die Idee oder das Produkt der ganzen Community, daher können die Community-Mitglieder auf individueller Basis diese Idee oder dieses Produkt ohne Einschränkungen verwenden. Bei Crowdsourcing, dagegen, gehört die Idee oder das Produkt demjenigen, der sie rechtlich nutzen darf, so wird das gewonnene Kapital bzw. Erlöse bei Crowdfunding nicht aufgeteilt (Belleamme u. a., 2011).
2.2. Social Payments
Social Payments wird als Variante von Crowdfunding gesehen (Loll u. a., 2010). Kappel (2009) unterscheidet zwischen zwei Typen von Crowdfunding, zum Einen ex ante crowdfunding und zum Anderen ex post facto crowdfunding. Ex ante crowdfunding ist das normale Modell von Crowdfunding, das zuvor
16
2 Definitionen
durchbesprochen wurde, also die monetäre Unterstützung für die Realisierung eines Projektziels. Bei Ex post facto crowdfunding, dagegen, handelt sich um die monetäre Unterstützung von einem bereits abgeschlossenem Projekt, was sich mit dem Begri von Social Payments deckt, der im Nachfolgenden näher erläutert wird (Kappel, 2009). Daher ist häug der Begri Social Payments mit jenem von Crowdfunding verbunden und weisen gemeinsam eine groÿe Überschneidungsäche auf. Eine klare und trennscharfe Abgrenzung voneinander ist dementsprechend nicht einfach und auch nicht sinnvoll. Dennoch wird hier der Versuch gewagt, die beiden Begrie gegenüber zu stellen. Das Insititut für Kommunikation in sozialen Medien (IKOSOM) Begri Social Payments von Crowdfunding wie folgt ab:
7 grenzt den
2.2.1. Unterschiede zu Crowdfunding
• Bestand und Format der Inhalte:
Während Crowdfunding für noch
nicht existierende Inhalte, oder genauer formuliert, für die in Planung bendlichen Projekte durchgeführt wird, wird bei Social Payments für bereits existierende Inhalte jeglicher Art bezahlt. Bei Crowdfunding müssen die Voraussetzungen eines Projektes erfüllt sein, bei Social Payments, dagegen, kann der Nutzer einen interessanten Blogartikel oder für eine ansprechende Webseite, u.v.m, seine Unterstützung aussprechen (Wenzla, 2010; Wenzla u. Röthler, 2010).
• Zweck:
Daher ist der Zweck der Unterstützungen auch jeweils ein an-
derer. Bei Crowdfunding möchten die Unterstützer hauptsächlich, dass dadurch das Projekt, das sie fördern, zustande kommt, wobei der Ausgang der Crowdfunding-Kampagne nicht sicher ist. Bei Social Payments, hingegen, möchten die Unterstützer den Wert eines Inhalts, beispielsweise einen interessanten Blogartikel, anerkennen bzw. würdigen und zahlen dafür (auch zitiert nach (Loll u. a., 2010)).
• Gleichbehandlung von materiellen (Geld-) Werten:
Bei Crowd-
funding kann der Projektinhaber für unterschiedlichen Umfang der Unterstützungen verschiedene Gegenleistungen erbringen um den Unterstützer dementsprechend zu honorieren. Bei Social Payments, dagegen, werden alle eingehenden Unterstützungen gleich behandelt (Loll u. a., 2010; Wenzla, 2010; Wenzla u. Röthler, 2010).
7 http://www.ikosom.de/
2 Definitionen
17
2.2.2. Gemeinsamkeiten mit Crowdfunding
Neben diesen zuvor aufgezählten Unterschieden nach IKOSOM existieren natürlich auch Gemeinsamkeiten zwischen Crowdfunding und Social Payment (Wenzla, 2010; Wenzla u. Röthler, 2010):
• Freiwilligkeit bzw. soziale Motive:
freiwillig und nicht verpichtend.
Die Unterstützung erfolgt stets
• Web 2.0: Die Vernetzung der Geldgeber über die soziale Medien, Transparenz der Geldströme und Partizipation der Geldgeber an den nanzierten Inhalten - aus diesen Faktoren wird eine starke emotionale Bindung
zwischen den Unterstützern als Geldgeber und den Geldempfängern hergestellt. Die zuvor durchgenommene Abgrenzung von Social Payments gegenüber Crowdfunding durch IKOSOM wird dem Glenbrook's Modell (Jones, 2010) gegenübergestellt:
The rst is that a payment facilitated by a social network is not a social paymentit's just a normal customer-not-present payment. The second is that social payments are, by denition, social in nature and involve multiple parties. [...] I've concluded that for something to be a social payment, it's got to be social. It's got to involve multiple parties paying at once. Or multiple parties being paid at once. Or one party buying and another party paying. On and on. - Russ Jones (2010)
Russ Jones konzentriert sich in seiner Denition auf eine Ansammlung von mehreren Leuten im Transaktions- bzw. Unterstützungsprozess. Laut Karsten Wenzla vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien (IKOSOM) reicht es jedoch aus, dass die Motive über das reine Beziehen einer Leistung hinausgehen und freiwillig gestattet werden. Bereits ab diesem Punkt hat der Unterstützer eine soziale Zahlung getätigt. In weiterer Folge der vorliegenden Arbeit wird die Denition von IKOSOM beibehalten.
2.2.3. Der Social-Payment-Prozess
Nachdem die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Social Payments und Crowdfunding nach IKOSOM hervorgehoben wurden, kann man einen typischen Social-Payment-Prozess wie folgt aus Sicht des Empfängers von Unterstützungen sehen:
18
2 Definitionen
Abbildung 2.6.: Ein typischer Social-Payment-Prozess
• Veröentlichung:
Eine Veröentlichung eines Inhalts kann entweder
explizit oder implizit erfolgen. Unter einer expliziten Veröentlichung ist eine solche zu verstehen, dass die Inhalte, die durch Social Payments unterstützt werden sollen, einmalig in die Datenbank eines Social-PaymentDienst erfolgt. Das dazugehörige Unterstützungsbutton wird demzufolge meistens auf der Startseite einer Webseite eingebettet. Unter einer impliziten Veröentlichung, dagegen, fallen beispielsweise Blogartikel, wo der Button vom Social-Payment-Dienst meistens automatisch mit jedem neuen Blogartikel oder Nachricht angehängt wird. Ein Beispiel einer impliziten Veröentlichung ist der deutsche Nachrichtendienst taz.de . Dabei wird jedem Artikel ein attr-Button angeheftet mit der Überschrift TAZ ZAHL ICH.
8
8 http://www.taz.de/
2 Definitionen
19
Abbildung 2.7.: Taz.de (eingerahmt): TAZ ZAHL ICH
9
• Warten auf Finanzierung:
Hier gilt das Ähnliche in derselben Pha-
se beim Crowdfunding-Prozess: Durch eine eziente Informationsverteilung, Transparenz und Kommunikation kann der Akquisitionsprozess von Unterstützungen aktiv gefördert werden.
2.2.4. Eine Social-Payment-Erfolgsgeschichte
So wie Diaspora ein Klassiker für erfolgreiches Crowdfunding ist, wird für Social Payments taz.de, ein deutscher Nachrichtendienst, präsentiert. taz.de hat die Fragestellung aufgeworfen, wie man die journalistische Arbeit im Internet renanzieren kann. Als Reaktion auf die Antwort, dass taz.de ihre LeserInnen aufrufen soll, freiwillig Spenden zu überweisen, hat taz.de einen Testlauf im April 2010 durchgeführt (Urbach, 2010b). Somit hat taz.de an vielen Artikeln einen kleinen Hinweis angebracht:
Dieser Text ist für Sie kostenlos verfügbar. Dennoch wurde er nicht ohne Kosten hergestellt! Wenn Ihnen der Text gefallen hat, würden wir uns freuen, wenn Sie der taz dafür einen kleinen Betrag bezahlen. Das können wenige Cent sein wir überlassen es Ihnen. Für unabhängigen Journalismus: taz-Konto 39316106 | BLZ:
9 Abbildung
von http://www.taz.de/1/zukunft/konsum/artikel/1/ schluss-mit-business-class-as-usual-1, aufgerufen am 06.03.2011
20
2 Definitionen
10010010 | Postbank Berlin Verwendungszweck taz.de - Urbach (2010d)
In der Woche darauf wurden insgesamt 1.842,83 e von 165 Lesern überwiesen, was den Beweis geliefert hat, dass Spendenaufrufe über das Internet doch funktionieren (Urbach, 2010d). Dennoch ist dieser Weg mit einer umständlichen und aufwändigen Banküberweisung keine dauerhafte Lösung, so wurde nach einem anderen Weg gesucht, eine Artikel möglichst einfach und direkt zu würdigen. Auch sollten möglichst wenig die Bankinstitute miteinbezogen werden, wie es bei der Zahlung per Kreditkarte oder PayPal der Fall ist. Als nächste Lösung wurde somit die Social-Payment-Plattform Flattr getestet (Urbach, 2010b). In den ersten 12 Tagen (Ende Mai 2010) wurden insgesamt 143,55 e eingezahlt, von taz.de entsprach (Urbach, 2010c). Innerhalb eines halben Jahres wurden die Artikel auf taz.de insgesamt 29.000 geattert, wobei insgesamt 6.900 e eingenommen wurden. Somit kamen sechs Prozent des gesamten Flattr-Umsatzes taz.de zugute, was ein hoher Anteil ist (Urbach, 2010e).
in Juni 988,50 e (Urbach, 2010a) und im Juli 1.420 e, was den Erwartungen
3. Abgrenzungen zu anderen Begrien
Mit den Begrien Crowdfunding und Social Payments haben sich viele weitere dazu gemischt und scheinen auf den ersten Blick ähnlich zu sein wie diese. An dieser Stelle werden die verwandten und relevanten Begrie voneinander abgegrenzt und die Unterschiede kurz aufgezeigt.
3.1. Fundraising
Das englische Wort Fundraising besteht aus zwei zusammengesetzten Wörtern, nämlich fund und raise. Das Substantiv fund bedeutet übersetzt Geld bzw. Kapital, während das Verb to raise zu deutsch etwas aufbringen heiÿt. Wortwörtlich ist somit der Begri Fundraising als Geld- oder Kapitalbeschaung zu verstehen (Fundraising Akademie, 2008). Doch Fundraising ist nicht nur Spendensammeln, da die gängige Denition von Fundraising nicht nur eine Mittelbeschaung in Form von Finanzmitteln, sondern auch in Form von Sachmittel, Rechte, Informationen, Dienstleistungen, etc. einer Organisation vorsieht (Fundraising Akademie, 2008).
Fundraising is the principle of asking, asking again and asking for more.
Wie dieses Zitat von Kim Klein, einer der erfolgreichen Fundraiserin, gut auf den Punkt bringt, geht es bei Fundraising auch um das wirksame Ausüben von Marketing. Fundraising umfasst daher ein ordentlich abgestimmtes Marketingkonzept, wo der strategischen Kommunikation eine hohe Bedeutung zugemessen werden soll, oder anders formuliert: Fundraising is the gentle art of
teaching the joy of giving - Henry A. Rosso (Fundraising Akademie, 2008).
21
22
3 Abgrenzungen zu anderen Begriffen
3.2. Spenden
Der Spendenbegri ist dem Fundraisingbegri untergeordnet. Der Fundraising Verbund Austria (2011) (FVA) deniert den Spendenbegri, wie folgt, wobei die Grundlage 12 Abs.1 Z.5 des österreichischen Körperschaftssteuergesetz (KStG) bildet:
Spenden sind laut 12 Abs.1 Z.5 KStG Aufwendungen zu gemeinnützigen, mildtätigen oder kirchlichen Zwecken und andere freiwillige Zuwendungen Ökonomisch betrachtet sind Spenden freiwillige Leistungen, für die zwar keine Gegenleistung gefordert wird, aber für einen bestimmten Zweck erbracht werden. - Fundraising Verbund Austria (2011)
3.3. Sponsoring
Im Unterschied zu Fundraising basiert Sponsoring auf ein vertraglich vereinbartes zweiseitiges Geschäft. Anstatt dass lediglich eine Seite, nämlich der Empfänger der Mittel protiert, wird bei Sponsoring nicht nur eine Leistung transferiert, sondern auch eine Gegenleistung empfangen (Fundraising Akademie, 2008). Ob Crowdfunding eher dem Sponsoring oder dem Fundraising entspricht, hängt von mehreren Faktoren ab. So ist nicht nur die Erscheinungsform von Crowdfunding, wobei Crowddonating eher dem Fundraising bzw. Spenden entspricht und Crowdsupporting, hingegen dem Sponsoring, ausschlaggebend. Auch die Absichten der Unterstützer, die rechtlichen Rahmenbedingungen der Plattform und die Gegenleistungen sind weitere Punkte (Fundraising Akademie, 2008).
3.4. Micropayment
Micropayments, oder ins Deutsch übersetzt Mikrozahlungen beziehungsweise Kleinbetragszahlungen spielt lediglich auf die Höhe des Geldbetrags an. Typischerweise wird ein Geldbetrag zwischen 0,05 e und 5,00 e als Kleinbetragszahlung aufgefasst. Die Spanne von 0,01 e bis 0,05 e bezeichnet man als Picopayment und jene gröÿer als 5,00 e als Macropayment (Turowski u. Derballa, 2005).
3 Abgrenzungen zu anderen Begriffen
23
Abbildung 3.1.: Klassizierung von unterschiedlichen Geldbeträgen
Daher fallen vor allem Social Payments und teilweise auch Crowdfunding im Generellen unter die Kategorie der Kleinbetragszahlungen. Da die Unterstützer im Crowdfunding-Prozess auch die Möglichkeit hat, dem CrowdfundingProjekt mehr Unterstützung zukommen zu lassen, sodass die Grenze von Mikrozahlungen überschritten wird, kann Crowdfunding auch gröÿere Dimensionen annehmen. Social Payments und Crowdfunding unterscheiden sich jedoch von den Kleinbetragszahlungen von der Bedeutung der sozialen Motive im Transaktionsprozess.
3.5. Paid Content
Paid Content ist insofern von Crowdfunding und Social Payments abzugrenzen, dass die Zahlungen freiwillig vom Unterstützer durchgeführt werden. Beim klassischen Paid-Content-Geschäftsmodell, hingegen, wird vorab für das Konsumieren der Inhalte verpichtend bezahlt (Wattig, 2010).
4. Motivation jeder Einzelner im Crowd
Nachdem die verschiedenen Begrie dieses umfassenden Themengebiets kurz umrissen und voneinander abgegrenzt wurden, ist es nun an der Zeit, einen Schritt weiterzugehen und sich die Frage zu stellen: Warum zahlen die Nutzer überhaupt? bzw. Warum unterstützen die Nutzer etwas? Es ist wichtig, zuerst die Gründe dafür zu verstehen, damit man daraus die Erfolgsfaktoren für erfolgreiches Crowdfunding beziehungsweise für Social Payment ableiten kann. Der Wurzel des Erfolgs liegt bei den Unterstützern, doch die Darstellung von Erfolgsfaktoren ist einem anderem Kapitel gewidmet. An dieser Stelle wird ein Versuch gewagt, das Warum zu beantworten. Eine pauschale Antwort in der Form Weil die Nutzer eben in diesem Moment etwas gerne unterstützen wollte ist alleine nicht ausreichend und berücksichtigt viele andere Gründe nicht. Denn angeblich ist der Mensch ein Homo oeconomicus, also ein Akteur, der
eigeninteressiert und rational handelt, seinen eigenen Nutzen maximiert, auf Restriktionen reagiert, feststehende Präferenzen hat und über (vollständige) Informationen verfügt. Würde demzufolge, nach diesen Kriterien, ein Homo
oeconomicus freiwillig Geld hergeben oder spenden (Wattig, 2010)? Glücklicherweise scheint es dennoch einen Markt für das freiwillige Bezahlen von Inhalten zu geben. Fundamentale Voraussetzungen für das Entstehen und Funktionieren eines Marktes ist zunächst das Vorhandensein eines knappen Gutes, das nachgefragt wird, also ein entsprechendes Bedürfnis befriedigt. Auf eine Nachfrage muss es auch ein entsprechendes Angebot geben, daher muss sowohl mindestens ein Anbieter als auch ein Nachfrager vorhanden sein. Schlieÿlich muss als nächste Voraussetzung auch ein Tauschmittel (z.B.: Geld, ein anderes Tauschobjekt, etc.) existieren, damit das Tauschgeschäft abgeschlossen werden kann (Wattig, 2010). Wenn man nun diese Voraussetzungen auf den Markt von Crowdfunding und Social Payments projiziert, kann man erkennen, dass es zahlreiche Anbieter gibt, wie zum Beispiel Flattr, Kachingle und Kickstarter. Knappe Güter, für
24
4 Motivation jeder Einzelner im Crowd
25
die der Nutzer Geld zahlen würde, wären unter anderem soziale Anerkennung, Selbstdarstellung, Ermöglichung von Inhalten und Projekten u.v.m. Die Nutzer wollen sich im Internet auch gerne selbst darstellen, wie zum Beispiel durch das Anklicken des Gefällt mir Buttons auf Facebook. Jedoch ist hier hervorzuheben, dass mit Geld und materiellen Werten verbundene Gefällt mir viel aussagekräftiger sind und einer wahren Überzeugung zugrunde liegen (Wattig, 2010).
Abbildung 4.1.: Darstellung der Kachinglers, Stand 02.03.2011
Freiwillige Zahlungen sorgen für ein höheres Glücksgefühl bei den Unterstützern als erzwungene Zahlungen im Vorhinein, wie es bei Paid Content der Fall ist (Loll u. a., 2010). Über kurz und lang kann Crowdfunding und Social Payments zu einem neuen Ritual bzw. Status werden. As crowdfunding's popularity rises, it will become
increasingly more popular to view a person's funding anities, along with all the other tidbits of their lives (both oine and online) to assess their personal character. And of course, to nd people of a like mind. (Lawton u. Marom,
2010)
26
4 Motivation jeder Einzelner im Crowd
Weiters sind die Nutzer auch bereit, für die Ermöglichung von Inhalten und Projekten zu zahlen, das heiÿt, dass das knappe Gut auch digitale Inhalte sein können, die es sonst nicht geben würde (Wattig, 2010). Im folgenden Zitat von Tim Pritlove, ein Event-Manager, Podcaster und Medienkünstler, ist es gut erkennbar, dass die Nutzer auch Interesse haben, die Arbeit am knappen Gut aufrecht zu erhalten und den Ersteller der Inhalte zu motivieren.
Meine Einnahmen mit attr im August 2010 betrugen übrigens 889,01 EUR. Damit lag der Betrag etwas unter dem des Vormonats, im Anbetracht der Tatsache, dass ich im August aber fast nicht zum Produzieren kam (Urlaubs- und Reisezeit), kann ich nur feststellen, dass sich wohl meine These, warum Leute attr benutzen, bestätigt: es ist weniger eine Entlohnung für Geleistetes als vielmehr eine Vorauszahlung für Kommendes. Man möchte, dass es weitergeht, dass der Begünstigte in die Lage versetzt wird, sich weiterhin den Dingen zu widmen, die Auslöser für die Zahlung waren. Und es geht auch um Motivation. - Tim Pritlove, (Wattig, 2010)
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass durchaus ein Markt für das freiwillige Bezahlen von digitalen Inhalten existiert.
5. Plattformen
Es existiert eine breite Palette von unterschiedlichen Crowdfunding und SocialPayment-Plattformen, wobei mehr Crowdfunding als Social-PaymentPlattformen vorhanden sind. Die Plattformen können unterschiedlich klassiziert werden, Klassikationsmerkmale können den Typ (Crowdsupporting, Crowdinvesting, etc.), Verbreitungsgebiet oder Schwerpunkt betreen. Alle Crowdfunding und Social-Payment-Plattformen aufzuzählen und sie einzeln zu analysieren, würde den Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit sprengen und ist auch nicht deren Schwerpunkt. Daher wird in diesem Kapitel lediglich ein Auszug über die wichtigsten, und vor allem europäischen, Crowdfunding und Social-Payment-Plattformen gegeben.
Crowdsupporting
Kickstarter Startnext
Crowdinvesting
Grow VC c-crowd
Crowdlending
Zopa (P2P) Kiva (Mikrokredit)
Crowddonating
Fundraising box Respekt.net
Social Payments
Flattr Kachingle
Pling IndieGoGo Respekt.net
Crowd Cube Seedmatch Trampoline Systems
Prosper (P2P) LendingClub (P2P) MicroPlace (Mikrokredit)
Supporter Wall Create Fund CrowdRise a
PayWithATweet tipto SociallyPay
Tabelle 5.1.: Überblick über einige Plattformen, Auszug von (Smarter money, 2011)
27
28
5 Plattformen
5.1. Crowdfunding-Plattformen
5.1.1. Kickstarter
Plattform
Kickstarter,
http://www.kickstarter.com/
Kategorie Verbreitungsgebiet Anzahl Nutzer Anzahl aktuelle Projekte Anzahl vollständig nanzierte Projekte Investitionssumme gesamt von der Community $35.000.000 Crowdsupporting - Kreativbranche USA > 600.000 ca. 2.500 > 5.000
Tabelle 5.2.: Steckbrief Kickstarter, Stand März 2011 (Kim, 2011)
Um die Crowdfunding-Plattform Kickstarter kommt man nicht herum, da Kickstarter die gröÿte und die erste Crowdfunding-Plattform der Welt ist. Sie wurde im April 2009 gegründet und feiert heuer sein zweijähriges Jubiläum und kann dabei auf ein erstaunliches Wachstum zurückschauen. Innerhalb von zwei Jahren wurden von der Crowdfunding-Community mehr als $35.000.000 locker gemacht und damit mehr als 5.000 Projekte (Kim, 2011) im kreativen Bereich, wie zum Beispiel Design, Film, Spiele, Musik, Fotograe, Technologie, etc., erfolgreich nanziert. Das sind sehr beeindruckende Zahlen, doch trotz diesen bleibt es (noch) bei einem Manko: Derzeit kann man nur ein Projekt unter Angabe eines US-Kontos, einer US-Adresse und eines US-Führerscheins (oder einem staatlichem ausgestellten Ausweis) einstellen, da die Transaktionen mit Amazon Payments (PayPal) verwaltet werden. Zukünftig sollen auch internationale Projekteinstellungen ermöglicht werden (Kickstarter, 2011a).
5 Plattformen
29
5.1.2. Startnext
Plattform
Startnext,
http://www.startnext.de/
Kategorie Verbreitungsgebiet Anzahl Nutzer Anzahl aktuelle Projekte Anzahl vollständig nanzierte Projekte Investitionssumme gesamt von der Community Durchschnittliche zungssumme Erfolgsquote ca. 50% Unterstüt15-20 e 52.492 e Crowdsupporting - Kreativbranche Deutschland k.A. 80 15
Tabelle 5.3.: Steckbrief Startnext, Stand Mitte April 2011
Startnext, die erste deutsche Crowdfunding-Plattform, die im März 2010 freigestellt wurde, ist auf kreative Projekte in den Bereichen Kultur, Kunst und Medien beschränkt, repräsentiert sich also als Vermittlungsplattform zur Kulturförderung. Einerseits versteht sich Startnext als Projektbeschleuniger in diesen kreativen Bereichen (Musik, Design, Autoren, Journalisten, Künstler, etc.), andererseits auch als Marktrecherche-Instrument für Produzenten und Kreative und als Marketing-Instrument für Unternehmen (Startnext, 2011c). Die Projektbesitzer oder auch Starter auf Startnext genannt, stellen Projekte im kreativem Bereich ein, bestimmen die Gegenleistungen und schreiben einen Projektblog um den Projektfortschritt zu dokumentieren (Startnext, 2011c). Die Provisionen bei erfolgreichen Projekten betragen insgesamt maximal neun Prozent der eingenommenen Erlöse der Kampagne, die aber nicht bei Spenden und Eigenleistungen abfallen. Dieser Prozentanteil setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Fünf Prozent des Projektbudgets ieÿen in einen Projekt-Fonds der Community, der auf Startnext Crowdfonds genannt wird. Dieser Anteil kommt dadurch zustande, dass bei Startnext keine Transaktionsgebühren entrichtet werden müssen, sodass dieser eingesparte Betrag anderen neuen Projekte in der Community zugute kommt. Das impliziert, dass ein erfolgreiches Projekt automatisch den Erfolg weiterer neuen Projekte fördert. Welche
30
5 Plattformen
Projekte vom Crowdfonds protieren, wird durch ein internes Netzwerk mit mindestens 25 Crowdfonds-Angels bestimmt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Projekte, die einen Anteil vom Crowdfonds erhalten, werden bereits früh gefördert, was deren Zielerreichung wesentlich erleichtern kann. Die restlichen vier Prozent des Projektbudgets behält Startnext selbst für die anfallenden Kosten des Servers, der Mitarbeiter, Marketing, Betreuung der Plattform, etc. ein (Startnext, 2011c). Das Besondere an Startnext ist, wie schon zuvor aufgezeigt, dass die gesamten Verwaltungs- und Transaktionskosten, die sonst bei anderen CrowdfundingPlattformen üblich sind, entfallen (Startnext, 2011c). Dazu auch ein Tweet von der co:funding-Konferenz in Berlin: Bei #FidorPay
ist es 1 e v. 1 e! RT @wikipippi: wenn man ü. #paypal 1 e spendet, kommen wg provision nur 60ct an. der saal raunt. #cofu11 #rp11 - Nils Lange, (Twitter)
Dies wird durch ein neues Zahlungsverfahren der FidorPay ermöglicht, der mit
sehr vielen wichtigen Vorteilen im Vergleich zu klassischen Zahlungsdiensten wie PayPal einher kommt. Einerseits ist die Anmeldung auf FidorPay einfacher und unkomplizierter, andererseits werden die sensiblen Daten nicht an Dritte, wie zum Beispiel ebay weitergeleitet. Zudem werden die Gelder direkt und auch ohne Verzögerung übermittelt, der Starter hat somit einen sofortigen Zugri auf sein Geld direkt nach der erfolgreichen Finanzierung seines Crowdfunding-Projektes oder aber umgekehrt, also, dass der Supporter sofort sein Geld wieder verfügbar hat, wenn das von ihm unterstützte CrowdfundingProjekt nicht erfolgreich war. Die Starter müssen, der Sicherheit halber, sich per PostIdent vor der Einstellung eines Projektes verizieren. FidorPay ist ein angebotener Dienst der Fidor Bank AG, die als Bank lizenziert ist und ebenso beaufsichtigt w